Vockerode - wird es den Standort geben oder nicht?
Stefan Sadeh, der Deutschland-Manager der Sybil-Unternehmensgruppe macht den Eindruck, als verstünde er die Welt nicht mehr. Er hat Sachsen-Anhalt drei Casinos abgekauft, die Errichtung eines großen Urlaubs- Unterhaltungs- und Einkaufskomplexes und Investitionen in Höhe von 300 bis 500 Millionen Euro versprochen.
Er hat in der schwachen Region die Hoffnung auf einen Aufschwung und neue Arbeitsplätze geweckt. Und doch begegnet ihm große Skepsis. Die Kritiker reden von unseriösen Geschäftsmethoden und die Medien vermuten hinter seinen Vorhaben Größenwahn und Abzocke mit Hilfe von Subventionen. Er wundert sich, wo dieses Denken herrührt. Er gebe Menschen Beschäftigung, für die der Staat sonst mit Arbeitslosenhilfe aufkommen müsse. Er bezahle und bebaue den Grund, den lange niemand haben wollte. Er fragt sich, wo hier der Haken sei. Er erwarte rein gar nichts, er hoffe nur, dass ihn die Menschen als Investor sehen.
Die Reserviertheit ist vermutlich auf den Hintergrund des Unternehmens zurückzuführen. Es hat seinen Sitz in Zypern, ist an Börse von Tel Aviv zu finden und ist zu drei Vierteln im Besitz des Immobilienunternehmers Pinni Sarfati. Der restliche Anteil gehört dem US-Hedge Fond Moore Capital. Die Gruppe unterhält in Polen ein Großhandelszentrum und in anderen Ex-Ostblockstaaten Einkaufszentren. Es ist gut möglich, dass die Pläne für das angegriffene Vockerode zu hoch hängen. Dort war einmal ein Braunkohlekraftwerk ansässig und Vockerode befindet sich in einer weiten Landschaft und besteht auf einfachen Siedlungshäusern und alten Großbauten aus DDR-Zeiten.
Auf den Straßen sieht man kaum Leute. Eine lebendige Gegend sieht anders aus. Die Bürgermeisterin sagt, dass die Stadt mit der Wende danieder gegangen sei. Das Kraftwerk, das der hauptsächliche Arbeitgeber und die Säule der Gemeindefinanzen war, ist wie das große Gewächshaus stillgelegt worden. Die Berufsschule sowie die Sekundarschule stehen leer. 2500 Arbeitsstellen habe der Ort seit dem Mauerfall verloren. Die Arbeitslosigkeit, die Zahl der Abwanderer und der Wohnungsleerstand sei recht hoch. Die Gemeinde sei überaltert und es sei nichts mehr da. Man könne hier keine Einkäufe erledigen und die Verkehrsanbindungen seien alles andere als gut, sagt sie. Alles was jetzt komme, sei besser als das, was schon hier sei.
Was nun kommt, ist die Sybil-Gruppe mit ihrem Werbespruch, dass sie Land zu Gold machen könne. Wo bislang Kirche, Kriegerdenkmal und die Börse für Kinderkleider das Stadtbild prägen, möchte die Gruppe eine Vergnügungs- Tagungs- und Erholungsoase errichten. Es sollen mehre Hotels mit umgerechnet 1500 Betten, ein Konferenz- und Einkaufskomplex, ein Wellnesscenter, etliche Restaurants und ein Spielcasino entstehen. Mit diesem Potpourri möchte der Manager Urlauber, Geschäftsleute, Erholungssüchtige und Spieler anziehen.
Im Ort wirken diese Ankündigungen bereits. Die Leute würden sich bereits erkundigen, ob sie schon ihre Bewerbung bei Sybil einreichen könnten. Es gebe große Hoffnung. Die Fachleute hingegen zeigen große Zweifel. Sie weisen darauf hin, dass es im Umkreis von einer Autostunde weder viele Bewohner, noch viele reiche Leute gebe. Die Hotelauslastung liege bei nicht einmal 40 Prozent, die Zimmerpreise seien recht niedrig. Die Casino Experten hingegen vermuten, dass der Standort Vockerode nicht mehr als 6 oder 7 Millionen Euro Gewinn einfahren kann.
Das Unterhaltungs- und Einkaufzentrum mit dem Casino könne 300 Millionen Euro wirtschaftlich gar nicht finanzieren, so ein ostdeutscher Hotel- und Handelsexperte. Solche Einwände lässt Sadeh nicht zu. Er ist ein Verkäufer, der es fertig bringt, Zuhörer mit seinen Ideen auf seine Seite zu ziehen. Nur ein Hotel oder nur ein Casino wären für ihn nicht in Frage gekommen. Nur würde ein Resort, bestehend aus Spielcasino, Konferenzzentrum und vielen weiteren Einrichtungen gebaut werden. Schon gebe es in dieser Region mehr als zwei Millionen Besucher und einen Großteil davon, wolle man nach Vockerrode locken, so Sadeh.
Nach seiner Auffassung gehört auch Berlin mit seinen Einwohnern und Besucher zu diesem Bereich. Ein großer Vorteil sei die in Sichtweite befindliche A9. Die Leute sollen hier vorbeifahren und sich wünschen, hier einige Tage verbringen zu dürfen. Schlussendlich sollen Gäste aus Deutschland, Europa und aus Übersee den Park zu einem großen Erfolg machen. Die Gruppe hat laut des Managers dem Land seine drei Spielcasinos abgekauft, weil man von dem gesamten Konzept äußerst überzeugt gewesen war. Laut Sadeh, wurde ihnen geraten, sich im Bieterverfahren um die drei Häuser durchzusetzen und so die Lizenz zu bekommen, wenn man in Vockerode ein Casino etablieren wolle.
So habe man sich der Sache angenommen, obwohl dabei kaum Gewinn herausspringt. Mit einer Spielbank in Vockerrode könne mehr Geld verdient werden, als die Kritiker meinen. Dies sei in einem Gutachten des Wirtschaftsberatungsunternehmens KPMG ersichtlich. Laut diesem könne der Bruttogewinn zwischen 30 und 40 Millionen Euro liegen. Mit diesen Zahlen stellt sich Sadeh als Mann ohne Zweifel dar. Die Wochenenden bereiteten ihm keinerlei Sorgen, da sei man gut besucht und für die Werktage habe man das Kongresszentrum, in dem man 1000 Menschen unterbringen könne. Er frage sich, wo dies sonst möglich sei.
Große Unternehmen hätten die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter zusammen bringen ohne dass sie sich nach dem Programm verlaufen und über die Stadt verteilen, erläutert er. Zwei Gutachten haben ergeben, dass sein gesamtes Konzept tragfähig sei. KMPG gehe von jährlichen 600.000 Besuchern in Vockerode aus. Der Gewinn liege bei 60 bis 70 Millionen Euro. Die Innovation Group dagegen geht von einer Million Besuchern und 100 Millionen Euro Gewinn aus. Soviel zu den Visionen, denn ein realistische Betrachtungsweise des finanziellen Hintergrunds bei diesem Vorhaben ist notwendig.
Dies geht von der Sybil Management GmbH aus, deren Vorstand ebenfalls Sadeh ist. Das Unternehmen hat laut der letzten Bilanz von vor zwei Jahren knapp eine Million Euro Schulden.
Diese waren nicht durch das Eigenkapital gedeckt und waren bilanziell überschuldet und lediglich durch eine Patronatserklärung der über ihr stehenden Sybil Germany geschützt. Diese ist die eigentliche Stütze des Plans und befindet sich in einer noch härteren Lage. 2005 waren ihre Schulden viermal so hoch wie der Gewinn vor Zins und Abgaben. Ende letzten Jahren überragten die Verbindlichkeiten von 200 Millionen Euro das operative Resultat (knapp 8 Millionen Euro) um das 25fache.
Laut eines Wirtschaftsprüfungsexperten sei die Firma total überschuldet. Eine 2006 aufgelegte Unternehmensanleihe zeigt, wie wenig der Markt Vertrauen in Sybil Germany hat, denn sie hat bereits die Hälfte ihres Wertes verloren. Die liege laut einem Anlageexperten daran, dass der Markte die Bonität des Unternehmens sehr kritisch betrachte. Das Papier hat definitiv Junk-Bond-Status. Analysten des US-Finanzdatenanbieters "World Vest Base" bewerteten die Sybil Germany aufgrund der Resultate von 2008 so, dass es bei den US-Bondratings einem C3 gleichkomme. Dies stehe laut einem Finanzfachmann für Junk-Bonds.
Der Finanzanbieter gab an, dass dies hochspekulativ sei. Das Unternehmen zeige eine Tendenz zu Zahlungsproblemen. die Geschäftführung der Firma gab keine Auskunft. Sadeh hingegen bekräftigt, dass die Bonds spekulativ seien. Man hoffe, dass sich die Zahlen verbessern werden, doch Vockerode werde nicht mit Hilfe von Bonds finanziert. Der Mehrheitsgesellschafter Pinni Sarfarti sagte der israelischen Zeitung Haaretz, dass das ganze Vermögen von außen komme. Außerdem fügte er noch hinzu, dass die Subventionen der deutschen Regierung ein Teil des Eigenkapitals sei. Dieser Satz ist besonders für Politiker in Sachsen Anhalt interessant.
Für den ostdeutschen Hotel- und Handelsexperten steht fest, dass dir Firma es nur auf ihr Geld abgesehen habe. Derartige Anschuldigungen weist Sadeh von sich. Die Zahlungen seine an klare Kriterien geknüpft und wenn sie die Leute nicht beschäftige, müsse der Staat für sie aufkommen. Er rechnet mit Hilfszahlungen der EU, des Bundes und des Landes. Sybil ließ mittlerweile verlauten, das Vorhaben mit einem internationalen Unternehmen, welches an der Londoner Börse gelistet ist, umsetzen zu wollen. Es liege bereits eine Absichtserklärung vor.
Die anonymen Investoren möchten für 15 Millionen Euro 50 Prozent an der für das Vorhaben gegründeten "Fort Limited" kaufen. Das Unternehmen bringe eine Kreditlinie von 300 Millionen Euro mit, so Sadeh. Noch ist der Handel vorbehaltlich zu sehen, denn die Prüfung des Plans der Börse in Tel Aviv ist noch nicht beendet. Auch nach einem Vertragsabschluss werde das, was Sadeh zur ddp sagte, Gültigkeit behalten: Man werde weiterhin hart daran arbeiten müssen, um mehr Vertrauen zu bekommen.
geschrieben am 28.05.2010 von Laura Koch
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