Die dunkle Seite des Mondes – Die vergessenen Obdachlosen unter Las Vegas
Wenn man Menschen fragt, was ihnen zur amerikanischen Stadt Las Vegas einfällt, dann wird man vor allem diese Antworten erhalten: Luxus, Glamour, Superlative, Illusion in Perfektion und Unterhaltung vom Feinsten. Viele kommen nach Vegas, um den Alltag hinter sich zu lassen, zu spielen oder einfach nur die Seele baumeln zu lassen. Großangelegte Hotel- und Casinoanlagen stehen zu diesen Zwecken bereit und bieten zudem noch Wellness- und Einkaufsmöglichlichkeiten, die alle Wünsche erfüllen an.
Doch wie viele andere Städte auch, gibt es die zweite Seite der glänzenden Medaille, die unmöglich scheint, wenn man über durch die glitzernden Straßen flaniert. In der Stadt der Sünde existiert eine Unterwelt, mit der keineswegs Gangsterbosse, die die ersten Hotels und Casinos gründeten, gemeint sind. Es handelt sich hier um ein Kanalsystem mit Tunneln und unterirdischen Gängen von 800 Kilometern Länge. Nicht dass es zu allem Übel vor Schmutz starrt, stickig, eng und Furcht erregend ist, in diesem System leben Menschen. Etliche hundert Obdachlose haben in dem unterirdischen Kanalsystem eine Unterkunft gefunden, die genauso in Vergessenheit geraten sind, wie ihre Bewohner.
Diese Kanäle dienen zur Ableitung der großen aber kurzen Regenfälle in der Wüste, damit keine Überschwemmung eintritt. Für die meisten Menschen dort unten, die unter den Freizeitressorts hausen, ist ihre Bleibe die letzte Etappe auf ihrer Drogen-, Alkohol- oder Glücksspiellaufbahn. Die angeschwemmten Dinge werden zum Bau vom Schlafplätzen oder kompletter Wohnbereiche genutzt. Die Menschen sprechen fast nie mit Journalisten oder anderen Leuten. Doch Oskar Garcia bekam die Möglichkeit, sich von ihrem Leben dort unten ein Bild zu machen. Für Viele ist es eine Zufluchtsstätte und Zuhause. Bei einem Gespräch Garcias mit der Obdachlosehilfe ergab sich, dass sogar die Obdachlosen im Tageslicht denen in der Dunkelheit nicht über den Weg trauen.
Die Leute, die im Mirage, Bellagio oder Venetian am Roulettetisch sitzen, ahnen nicht, was unter ihren Füßen abläuft. Diese etwas unwirkliche Situation ruft unweigerlich Pynchons postmoderne Romane mit urbanen Un-Orten, labyrinthartigen grid systems sowie den Kollaps der zwischenmenschlichen Kommunikation ins Gedächtnis. Dieses Zwei-Welten-System zwischen oberirdisch und unterirdisch ist auch im Genre Science-Fiction und Fantasy heimisch. Auch in den Fantasygeschichten von Walter Moers ist dies Thema. Wer wird sich jemals für die in Vergessenheit geratenen Kanalbewohner interessieren? Sind es die Investoren, deren Bauverläufe zu Beginn der wirtschaftlichen Krise stocken und halbfertig stehen bleiben, bis sie vollendet werden können? Oder sind es gar die, die Unterhaltungsindustrie von Vegas am Laufen halten, die Barkeeper, Croupiers und Restaurantbesitzer?
Sind es letzten Endes vielleicht die Spieler, die die Automaten mit Geld voll machen und am Tisch ihre Einsätze tätigen, weil sie so hoffen, mehr Wohlstand zu haben und ihre Träume verwirklichen zu können? Genau an dieser Stelle fing der Abstieg für die Kanalbewohner an, sie sind dort in den Kanälen aus den Augen, aus dem Sinn, wie es jemand treffend auf den Punkt brachte. Die Oberwelt bringt schon lange kein Interesse mehr für sie auf, denn die Stadt der Sünde ist wankelmütig. Einer findet dort den Himmel auf Erden und der andere die Hölle auf Erden und bezeichnet sie als Heimat.
geschrieben am 20.04.2010 von Nina Berger
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